Begegnung mit dem Großherzog von Baden, der Tod seiner Frau

1849 verbrachten wir den ganzen Sommer in Soden, einem kleinen Ort in der Nähe Frankfurts, der damals den Frankfurter Finanzleuten zum Sommeraufenthalt diente, jetzt aber zu einem Kurort von fast gleicher Bedeutung wie Ems geworden ist. Ich erinnere mich, wie wir noch durch das Dorf liefen und die 18 Quellen mit Sodener Mineralwasser suchten. Und jetzt ist dort ein Kursaal und prächtige Restaurants. Die Sodener Luft hatte eine erstaunlich belebende Wirkung auf meine kranke Frau, und als wir schon im September nach Wiesbaden umziehen mussten, nahm sie, gleichsam ihr bevorstehendes Ende vorausfühlend, fast in Tränen von dem dörflichen Haus Abschied, in dem wir den ganzen Sommer verbracht hatten. Im Winter in Wiesbaden ging es ihr sehr schlecht, und als der Frühling 1850 einsetzte, nahm ihre Brustkrankheit eine solche Wende, dass wir ihre Mutter aus Petersburg herbeiriefen. Es wurde Juni, und unsere Kranke forderte eindringlich, nach Ems oder Soden gebracht zu werden. Der Arzt, der das nahende Ende deutlich voraussah, verzögerte die Einwilligung zur Abreise von Tag zu Tag. Und da erhalte ich plötzlich aus Baden die Einladung, dorthin zu einer Taufe bei Benkendorf zu kommen, der mit einer Benadaki verheiratet war. Mein erster Gedanke war, diese Einladung angesichts der gefährlichen Situation meiner Frau auszuschlagen, doch der Arzt beruhigte mich in der Überzeugung, dass zwei-drei Tage meiner Abwesenheit keine Bedeutung haben würden, und dass dies im Gegenteil als neuer Vorwand zur Verzögerung der Ausführung des krankhaften Wunsches, nach Ems oder Soden zu fahren, dienen würde. Ich machte mich auf die Reise, nachdem ich zuvor nach Baden geschrieben hatte, dass ich angesichts der gefährlichen Lage meiner Frau bitte, die Taufe am Tage meiner Ankunft durchzuführen, um am folgenden Tag zu meiner Kranken zurückkehren zu können. Doch dort erfuhr ich, dass die Taufe mit aufwendiger Feierlichkeit begangen werden sollte, da der Großherzog von Baden versprochen hatte, persönlich Taufpate zu sein, und dass man deshalb ohne Verletzung des Anstands die Taufe nicht beschleunigen könne. Wie es immer bei hochgestellten Persönlichkeiten eintritt, konnte der Großherzog weder morgen noch übermorgen an der Taufe teilnehmen, sondern erst am dritten Tag. Meine Verzweiflung ob dieser Angelegenheit war vollständig. Einerseits war das Pflichtgefühl, andererseits jede Minute die Furcht um das Leben meiner sterbenden Frau. 

Hier machte ich zuerst die Bekanntschaft der Fürstin Gortschakow, der Gattin unseres damaligen Gesandten in Stuttgart. An sie wandte ich mich mit meinem Kummer. Die Fürstin hatte ein zartes Herz und konnte deshalb trösten und in jenen schweren Tagen meine nachlassende Kraft stärken. Heute könnte man sagen, warum sollte man nicht abfahren und bitten, dass man einen anderen Priester nach Baden ruft. Doch damals waren außer der Wiesbadener unsere nächstgelegenen Kirchen in Stuttgart und Weimar. Ohne Telegraphen und größtenteils ohne Eisenbahn bedeutete dies, dass man dem Priester schreiben und ihn erwarten musste, wozu man mindestens eine Woche Zeit brauchte, aber der Großherzog hatte schon den Tag seiner Ankunft zur Teilnahme an der Taufe in Baden mitgeteilt. Und nun sagte ich mir im Innern: “die Pflicht geht vor”, und wartete die drei Tage mit blutendem Herzen in Baden. An dem vereinbarten Tag versammelten sich unsere Russen im Hause Benkendorfs in vollem Schmuck, auch der Großherzog erschien, und es begann die Taufe des schon halbjährigen Kindes. Zuvor führte ich eine lange Unterhaltung mit den Eltern über den Namen des Täuflings. Sie wollten ihn zu Ehren des hohen Paten Leopold nennen, doch da dieser Name in unseren Heiligenlisten nicht existiert, suchten wir nach einem ähnlich klingenden Namen und einigten uns auf Leonid. Ich weiß nicht, ob der Großherzog in diesem Namen seinen eigenen erkennen konnte, aber man teilte ihm mit, dass, der Täufling seinen Namen tragen werde. Nach Beendigung des Taufritus, als man die Glückwünsche mit Sekt begann, trat der Großherzog zu mir und begann mit mir zu sprechen. Er fragte mich über die Bedeutung der Handlungen bei der Taufe aus, ging dann überhaupt zu den Dogmen der Orthodoxen Kirche über und entspann ein solches Gespräch mit mir, dass er gar nicht bemerkte, dass die gesamte übrige Gesellschaft mit dem Sekt in der Hand schon lange darauf wartete, dass er sich an sie wenden würde. Schließlich musste sein Hofmarschall zu ihm treten und ihn daran erinnern, dass alle Anwesenden erwarteten, dass er sich zu ihnen wandte. Erst dann drückte er mir die Hand und versicherte mir, dass er sich über die Bekanntschaft mit mir sehr gefreut habe. Wenn dieser gute Großherzog damals gewußt hätte, wie diese seine gnädige Aufmerksamkeit mir gegenüber in der Folge dazu führte, dass ich der Religionslehrer und geistliche Vater seiner damals noch 11-jährigen Tochter, der Prinzessin Cäcilie werden würde, die später die Großfürstin Olga Feodorowna wurde. Doch so verbinden sich die Schicksale der Menschen über weite Entfernung im Leben, unmerklich und unerwartet für sie selbst nach einem von der Vorsehung vorgezeichneten Programm.

Nachdem ich meine seelsorgerliche Tätigkeit abgeschlossen hatte, begab ich mich am nächsten Morgen auf die Reise nach Wiesbaden, begleitet von guten Wünschen für alles, was mich zu Hause erwarten würde. Zu der Zeit gab es von Baden nach Wiesbaden bereits eine Eisenbahnstrecke, und ich brauchte acht Stunden für die Fahrt nach Hause und die Lösung meines Schicksals. Ich erinnere mich nicht, wie ich diese qualvollen acht Stunden im Zug verbrachte, ich weiß nur, dass ich weder Städte noch Bahnhöfe sah, die an mir vorbeiflogen, und in Wiesbaden angekommen, empfand ich alles als fremd, was mir ansonsten in meinem Wiesbaden vertraut und früher lieb war. Am Bahnhof holte mich mein alter deutscher Bekannter ab, der 70-jährige Stein. Aus irgendeinem Grund setzte er mich in eine Kutsche, obwohl unsere Wohnung nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt war. In der Kutsche nahm der Greis meine Hand und sagte mir mit Gefühl: 

“Mein Freund! Ich habe mich schon öfters in einer solchen Lage befunden!”

Er war dreimal verheiratet.

Darauf konnte ich nur fragen: Wann denn? 

“Gestern morgen!”

In diesem Moment fuhren wir am Haus vor, ich sprang aus der Kutsche, stürmte die Treppe hinauf, öffnete die Tür zum Saal und sah eine Menschenmenge. Ich erkannte nur das Gesicht meiner Schwiegermutter, warf mich vor ihr auf die Knie, umarmte sie und weinte, weinte und hörte von ihr nur die Worte: "Weine, weine, mein Sohn, davon wird dir leichter!" – Meine Kinder waren zu klein, um den Kummer des Vaters und den Verlust der Mutter zu verstehen. Der Älteste war fünf, der Jüngste erst drei Jahre alt. Zum Begräbnis meiner verstorbenen Frau kam der Erzpriester Sabinin aus Weimar. 

Damals erhielt ich von allen Seiten Beileidsbezeugungen, doch die wärmste und mit herzlichen Worten des Trostes ausgesprochene enthielt der Brief von der Fürstin Gortschakow aus Baden. Sie lud mich ein, mit den Kindern zu ihr nach Baden zu kommen und versprach mütterliche Sorge um meine Kleinen. Und wirklich, als ich später nach Stuttgart versetzt wurde, war sie nicht selten eine liebende Mutter für meine Kinder. Doch zu diesem Zeitpunkt konnte ich ihre Einladung nicht annehmen. Ich entSchloss mich nach Russland zu reisen, sogar für immer. Doch auch dies konnte ich nicht sofort durchführen, da bekannt wurde, dass die Großfürstin Helena Pavlowna nach Wiesbaden kommt, die seit dem Tod ihrer Tochter noch nicht deren Grab besucht hatte. In der Erwartung ihrer Ankunft suchte ich eine Erzieherin für meine Waisen. Es gelang mir, sie in der Person einer Französin, die schon in zwei Familien die Kinder erzogen hatte, in Wiesbaden selbst zu finden. So verbreitete sich in meiner Familie die französische Sprache, die zusammen mit dem Anblick dieser Person, die mir ständig meinen unwiederbringlichen Verlust in Erinnerung brachte, in meiner Seele eine solche Leere und Mangel alles eigenen, Gewohnten, hervorrief, dass ich, wenn ich sie nicht haßte, so doch diese Gouvernante nicht ansehen konnte, die übrigens ihr ganzes Leben meiner Familie widmete, da sie nach der Erziehung meiner Söhne auch meine Enkel erzog und noch jetzt als Wirtschafterin in meinem leeren Haus tätig ist. Wie sündig ein solches Gefühl gegenüber dieser Person auch sein mag, doch es hält bis jetzt an. Sie blieb für mich ein lebendiges Denkmal der Zerrüttung meines Familienlebens, zumal sie für mich in gewisser Weise ein Schirm für meine Kinder wurde. Von diesem Zeitpunkt an kehrte ich mich in mich und kam lange nicht aus dieser inneren Vereinsamung heraus.