Seelsorgerische Tätigkeit bei den Fürstenfamilien

Im September 1852 verbrachte ich einige Tage in Frankfurt, um die Gattin des verstorbenen V.A. Schukowskij auf die Aufnahme in die Orthodoxe Kirche vorzubereiten. Als Protestantin geboren und erzogen, hatte sie seit der Eheschließung mit Schukovwskij an den Übertritt in die Orthodoxie gedacht. Noch zu Lebzeiten des verstorbenen Schukowskij Ende der vierziger Jahre, als er mit seiner Familie in Frankfurt lebte, sprach er öfters davon, dass ich einen Zeitpunkt auswählen müsste, um mit seiner Frau zu sprechen, die so sehr wünschte, mit unserer Kirche näher bekannt zu werden... Erst kurz vor dem Tod ihres Mannes, an seinem Sterbebett, beschloss sie, in die Orthodoxie überzutreten, und mit welcher Freude nahm der Sterbende diese Nachricht auf! Seit der Zeit bereitete sie sich auf den Übertritt in unsere Kirche vor, und da der Thronfolger Alexander Nikolajewitsch und seine Gattin Maria Alexandrowna versprochen hatten, bei ihrer Aufnahme Paten zu sein, war es notwendig, den Ritus der Aufnahme so zu gestalten, wie es für ihre Hoheiten angenehm war, die zu der Zeit in Darmstadt wohnten. Deshalb wurde zum Vollzug dieses Ritus unsere Kirche in Wiesbaden ausgewählt, wo ich auch die Aufnahme und Myronsalbung von Frau Schukowskij in Gegenwart ihrer Hoheiten durchführte.

Der Sommer des Jahres 1853 begann für mich mit einem traurigen Ereignis, das mich so eng mit der Familie des Fürsten Gortschakow verband: Im Juni dieses Jahres verstarb in Baden-Baden seine Gattin, und dieser Tod erschütterte ihn so tief, dass ich ihn darauf über ein Jahr lang trösten und unterstützen musste, zunächst mit mündlichen Gesprächen und dann, als er als Gesandter nach Wien versetzt wurde, mit Briefen. Dadurch wurde ich ganz in die Familie Gortschakow aufgenommen, ja mehr noch, in der Abwesenheit des Fürsten musste ich seinen Kindern den Vater und Erzieher ersetzen. Das war keine geringe Arbeit, aber gleichzeitig auch eine wichtige Episode in meiner seelsorgerischen Tätigkeit. Über den Fürsten Gortschakow sagte man, er sei ein großer Egoist und nutze die Menschen rücksichtslos zu seinem Vorteil aus. Er hatte wirklich die Angewohnheit, jemanden aus seinem Bekanntenkreis, den er auf der Straße traf, einzuhaken und, sich auf ihn stützend, mit ihm zu gehen und bis zur Ermüdung auf ihn einzureden. Ich war in diesem Fall auch eine Stütze für ihn, was mich nicht selten zur Erschöpfung führte. Doch ich versuchte, angesichts der Hilflosigkeit seiner moralischen Verfassung in dieser Zeit alles zu vergessen. Dafür vergaß er niemals seine alten Freunde und, als er sich auf dem Gipfel seiner Karriere als Staatsmann befand, suchte er beim Besuch Stuttgarts immer seine früheren Freunde auf und unterhielt sich gerne einfach mit ihnen.

In diesem Sommer kam die Großfürstin Maria Nikolajewna nach Cannstadt, um ihren Sohn Nikolaj Maximilianowitsch in die orthopädische Anstalt von Dr. Heine zu bringen. Da die Behandlung seines Beins eine Operation und später eine Maschine erforderte, musste er mehrere Monate in diesem Krankenhaus bleiben. Dafür wurde ein besonderes Haus bei der Anstalt angemietet, wo man ihn mit der Familie seines Erziehers A.A. Filosofow unterbrachte, Unterricht für ihn einrichtete und mich damit beauftragte, ihm Religionsunterricht zu erteilen. Damit der Aufenthalt des jungen Fürsten im Krankenhaus nicht zu langweilig würde, wurden ihm verschiedene Vergnügungen organisiert. Unter anderem wurde einmal auf Veranlassung von Filosofow ein großes Gartenfest gefeiert, bei dem auch die Großfürstin Olga Nikolajewna anwesend war. Um diesem fête champêtre russischen Anstrich zu verleihen, mussten unsere Sänger hinter den Büschen russische Volkslieder singen und einer der Diener lief durch den Garten als russischer Bauer verkleidet und verkaufte Eis. Auch meine Kinder mussten an diesen Vergnügungen des Prinzen teilnehmen. So wurde für ihn im Herbst ein feierliches Weintraubensammeln auf dem Rothenberg veranstaltet, mit Luftballons und Gewehr und Pistolenschießen. Einer der Sänger, Sidorenko, der bei solchen Anlässen den maître des plaisirs machte, brachte sogar eine Kanone aus Stuttgart herbei, aus der bei der Ankunft des Fürsten geschossen wurde. Am Abend wurde ein Feuerwerk veranstaltet...