Das Pfingstfest auf dem Rothenberg

So zog ich zu Beginn des Sommers in aller Ruhe mit den Kindern in meine Sommerresidenz auf dem Rothenberg, welche ich wegen ihrer Ruhe, der wunderbaren Lage und der reinen Luft so liebte. Hierher kamen gerne die in Stuttgart lebenden Russen zu Besuch, sogar die Großfürstin Olga Nikolajewna würdigte mich mit ihrem Gatten eines Besuches. Einmal half mir ein solcher Besuch, meinen Besitz auf dem Rothenberg zu erweitern. Ich muss anmerken, dass auf diesem Berg einst das Stammschloss des Württembergischen Königshauses stand, Schloss Württemberg, das dem ganzen Land seinen Namen verlieh. Die Ruinen dieses Schlosses existierten noch bis zum Jahr 1819, als nach dem Tode der Königin Katharina Pawlowna ihr Gatte, der Vater des jetzigen (1887) Königs, befahl, die Ruinen dieses Schlosses bis auf den Grund auszugraben, und an der selben Stelle eine russische Kirche erbaute, in welcher der Leichnam der Königin Katharina Pawlowna beigesetzt wurde. 

1864 wurde dann nach dem Testament des in diesem Jahr verstorbenen Königs auch sein eigener Leichnam in dieser Kirche neben dem seiner geliebten Gattin begraben. Deshalb befindet sich dieser ganze Berg im Besitz und unter Aufsicht des Württembergischen Hofes und, obgleich hier in der Nähe der Kirche ein Haus für den Priester mit einem dazu gehörigen Garten und Weinberg gebaut wurde, war der ganze übrige Teil des Berges, welcher einen eigenen Hügel bildet, auf dessen Höhe unsere Kirche steht, von der Schlossverwaltung den Rothenberger Bauern zum Mähen verpachtet, und deswegen konnten wir keinen Schritt aus unserem Haus tun, ohne den geliebten Rasen zu betreten. Doch dieses Mal, als man uns mitteilte, dass um 6 Uhr abends ihre Hoheiten zu uns zum Tee kämen, unterlagen wir der Versuchung, sie auf der anderen Seite des Berges zu bewirten, von wo sich der Blick auf die Villa der Großfürstin öffnet, auf das Neckartal und die weiten Ausläufer des Schwarzwaldes. Ihre Hoheiten waren begeistert von diesem Platz. Während wir hier um unseren Teetisch saßen, liefen meine Kinder und die aus anderen russischen Familien eingeladenen Kinder auf dem Gras herum. Plötzlich erscheint aus dem Dorf eine Delegation, um sich zu beschweren, dass wir das Gras zertreten hätten, und um einen finanziellen Ausgleich dafür zu fordern. Sowohl der Kronprinz als auch die Großfürstin waren von dieser Forderung erstaunt, und ich musste ihnen erklären, warum diese Leute das Recht hatten, eine Wiedergutmachung zu fordern. Da fragte die Großfürstin sie, wie hoch die Pacht ist, die sie zahlen, und sie erklärte sofort, dass sie ab nächstes Jahr diesen ganzen Berg pachten wird und mir zur Nutzung nach eigenem Gutdünken überläßt. So wurde das auch gemacht, und bis heute zahlt die Königin nun ihrem Gemahl, dem König, die jährliche Pacht für den ganzen Berg, und ich nutze sowohl das Gras, als auch vor allem den ganzen Berg ohne Einschränkung, auf dem ich seitdem verschiedene Pflanzungen unternahm, neue Wege anlegte und den ganzen Berg in einen Park verwandelte, auf dem man jetzt den Schatten,  sowie verschiedene Früchte von den von mir angepflanzten Obstbäumen genießen kann. Doch der größte Feiertag auf dem Rothenberg war immer der Pfingsttag. Dazu schmückten wir die Kirche nach russischer Sitte mit Birken, Blumen und Gras. Die Großfürstin mit dem Kronprinzen, die ganze Gesandtschaft und alle Russen von nah und fern, die nicht selten aus der Umgebung zu diesem Feiertag anreisten, füllten die Kirche. Nach der Liturgie versammelten sich alle bei mir zum Tee, und einige blieben zum Mittagessen, das immer in der reinen Luft im Garten stattfand, und blieben den ganzen Tag zu Spaziergängen um den Berg. Dies war eine unvergessliche Zeit und viele meiner Amtsbrüder und Gemeindemitglieder beneideten mich um mein Rothenberger Idyll.