Wiesbaden: Dienst am Hofe der Großfürstin

Schließlich war das für unsere Räumlichkeiten vorgesehene Haus soweit fertig gestellt, dass wir nach Wiesbaden umsiedeln konnten. In dem Saal für die Kirche wurde noch gearbeitet und deshalb ließ die Großfürstin den Ikonastas in einem der Säle des Wiesbadener Schlosses aufstellen, wo wir die Gottesdienste begannen. Doch die Großfürstin war nicht mehr als zweimal in dieser Kirche, und als wir sie im November in den fertigen Raum in der Rheinstraße übertrugen, würdigte sie sie nicht eines einzigen Besuches. Der Grund lag darin, dass die Großfürstin mit Näher kommen ihrer Entbindung immer trauriger wurde, fast nirgends mehr hinging, sondern nur noch auf ihrem Sofa lag. Dabei hatte sie solches Heimweh nach Russland, dass sie die aus Russland mitgebrachte Erde dauernd bei sich hielt. Als die Großfürstin Helena Pawlowna ihre Tochter ins Ausland entließ, umgab sie sie mit jungen Leuten in der Hoffnung, dass sie sich alle schnell an die neue Umgebung gewöhnten. Neben dem jungen Priester war ihr ein junger Arzt zugeteilt, der eben erst sein Studium abgeschlossen hatte und eine junge Kammerfrau, die eben erst aus dem Institut geholt worden war. Dies hatte die schlechte Folge, dass in dem Moment ernsthafter, kritischer Minuten niemand aus der Umgebung der Großfürstin auf sie irgendwelchen Einfluss haben konnte.

Nicht selten geschah es, dass der Arzt kam, und sie ihn fragen ließ, wie es um seine Gesundheit stehe, ohne ihn zu sich zu lassen. Als der Priester nach der Liturgie mit der Prosphora kam, dankte sie nur, nahm sie aber nicht an. Alle sahen, dass etwas nicht in Ordnung war. Der Herzog selbst geriet ob eines solch apathischen Zustandes seiner Gattin in Verzweiflung. Sie erwartete gleichsam den bevorstehenden Tod und wollte nichts unternehmen, um die bevorstehende Katastrophe zu verhindern. So ging es bis Ende Dezember, als die aus Petersburg von der Großfürstin geschickte Frau Truba kam, die ehemalige Erzieherin der Großfürstin Elisabeth Michailowna. Dieser Besuch belebte die Großfürstin etwas, und alle atmeten freier.

 

Es näherten sich die Feiertage von Christi Geburt und des Neuen Jahres. Noch vor meiner Abreise aus Russland sprach Großfürstin Helena Pawlowna mit mir darüber, dass es für ihre Tochter unangenehm sein würde, unsere Feiertage im Ausland nach dem alten Kalender zu feiern, besonders wenn unser Osterfest um einige Wochen von dem westlichen abweicht. Sie beauftragte mich deshalb, beim Metropoliten zu fragen, ob er nicht erlauben würde, unsere Feiertage nach dem neuen Kalender zu begehen. In jener Zeit war der Metropolit von Petersburg Antonij. Als ich um seinen Segen für die Abreise ins Ausland bat, berichtete ich ihm von diesem Wunsch der Großfürstin. Darauf antwortete er: “Da Sie dort bei der Großfürstin zelebrieren werden. verfahren Sie so, wie ihre Hoheit es wünscht”.

Nachdem ich diese Erlaubnis hatte, feierte ich Christi Geburt am 13. Dezember, das Neue Jahr am 20., Theophanie am 25. Dezember (im vorigen Jahrhundert betrug die Differenz zwischen altem und neuem Kalender 12 Tage – Red). Aber völlig umsonst. Die Großfürstin Elisabeth Michailowna, die in letzter Zeit überhaupt nicht mehr ihr Zimmer verließ, war nicht in der Kirche, und die Russen, die damals in Frankfurt lebten, unter denen V. A. Schukowski und Fürst A.A. Suworow waren, antworteten auf meine diesbezügliche Benachrichtigung, dass weder am 13., noch am 20. Dezember russische Feiertage seien, und sie an diesen Tagen nicht in die Kirche kommen würden. Aber am 25. Dezember, als ich nach dem neuen Kalender den Feiertag der Taufe Christi feierte, kamen sie, um mit mir Christi Geburt zu feiern. Auf diese Weise zeigte sich der Versuch, unsere Feiertage nach dem neuen Kalender zu feiern, als völlig erfolglos, und ich musste schnell zu der Zählung der Sonntage nach Weihnachten zurückkehren, um wieder auf den alten Kalender zu gelangen. Außer der von den Russen ausgesprochenen Ablehnung dieser Neuerung zwang mich der bald eingetretene Tod der Großfürstin Elisabeth Michailowna, hiervon Abstand zu nehmen.