Ein russischer Priester im Gehrock

Schließlich kam die Zeit, um Baden-Baden zu verlassen. Mitte September sollte die Großfürstin Olga Nikolajewna aus Russland zurückkehren. Am 3. September zelebrierten wir den letzten Gottesdienst in Baden-Baden, bauten die Kirche ab und kehrten mit dem gesamten Klerus nach Stuttgart zurück. Aber ehe ich hier die Wintersaison begann, begab ich mich noch einmal mit meinen Kindern nach dem Rothenberg, wo wir meistens bis November blieben, da ja die Weinlese, die immer ein besonderes Fest für unsere Villégiature (Sommerfrische) war, in diesen Gegenden selten vor Mitte Oktober stattfindet. Während ich auf diesem Berge lebte, hatte ich die Gelegenheit, mit einem neuen Amtsgenossen im ausländischen Dienst Bekanntschaft zu schließen. Dieser war Vater Kolosowskij, der frühere Religionslehrer an der Lehranstalt für Mädchen aus dem geistlichen Stande in Zarskoe Selo, der sich jetzt auf dem Weg nach Madrid als Vorsteher der dortigen Gesandtschaftskirche befand. Ihm war die besondere Aufgabe übertragen worden, den jungen Sohn des dortigen Gesandten, des Fürsten Golitzyn, von dem bekannt war, dass er heimlich zu den Katholiken ging, vor der Gefahr zu schützen, zum katholischen Glauben überzutreten. Diese Gefahr war um so offensichtlicher, als der Fürst Golitzyn über ein ungeheures Vermögen verfügte; und die dortigen Jesuiten würden bestimmt keine Gelegenheit ungenutzt lassen, um sich dieses Reichtums zu bemächtigen. Dank des Eifers und der Fürsorge Vaters Kolosowskij wurde der junge Fürst vor dem Katholizismus bewahrt, aber nicht von der Gefahr eines ausschweifenden Lebens angesichts des ungeheuren Vermögens, das er schon in jungen Jahren nach dem Tod seines Vaters geerbt hatte. 

Vater Kolosowskij kam zu mir im Gewand eines russischen Geistlichen mit einem riesigen Bart und langen Haaren, die ihm auf den Rücken fielen. Ich machte ihn damals schon darauf aufmerksam, wie unangenehm es für ihn sein wird, seine russische Aufmachung in diesen fremden Gegenden zu bewahren, aber er wollte mir anfangs nichts glauben, da er es unziemlich fand, seine Rjasa (Priestergewand) mit einem Gehrock auszutauschen und seine langen Haare zu schneiden. Dennoch musste er sich bald eines besseren besinnen. Schon in Stuttgart zog er, wenn er durch die Straßen ging, die allgemeine Neugierde auf sich, und eine Menge Gesindel folgte ihm, schreiende und kreischende Lausbuben rannten hinter ihm und vor ihm und starrten ihn an wie eine Maskeradenfigur. Als er dann nach einigen Tagen wieder bei mir auf dem Rothenberg erschien, trug er schon einen Gehrock, und die wunderbaren Haare auf seinem Kopf waren geschnitten; es blieb nur der ungestutzte, prachtvolle Bart übrig, den er bis zum Tode, welcher ihn in der Fremde schon bald ereilte, beibehielt.