Neue Maßnahmen für die Kirchensänger im Ausland

Als Ersatz für Titow kam zu uns als Gesandter Graf Benckendorf, der mit einer Preußin verheiratet war, und unser Gesandtschaftshaus verlor zeitweilig den Charakter eines russischen Hauses. Dies dauerte nicht lange an. Graf Benckendorf blieb nur zwei Jahre in Stuttgart und verstarb an Nervenzerrüttung in geistiger Umnachtung. Obwohl er in Paris verstarb, wurde sein Leichnam zur Beerdigung in die Familiengruft nach Stuttgart überführt. Bemerkenswerterweise war sein Vater auch Gesandter in Stuttgart, verlor hier seine Frau und beerdigte sie in dem Ort Heßlach bei Stuttgart, wo er eine kleine Kapelle errichtete, in welcher er neben den sterblichen Überresten seiner Frau beerdigt werden wollte. Doch es kam so, dass er als Angehöriger des Militärs, nachdem er seinen Posten als Gesandter verlassen hatte, während unseres Krieges mit Persien wieder in das aktive Heer eintrat und in einer Schlacht fiel. Aufgrund seines Vermächtnisses wurde sein Körper aus Persien nach Heßlach überführt, wo er in der von ihm erbauten Kapelle beigesetzt wurde, und dreißig Jahre später fand sein Sohn, der ebenfalls in Stuttgart Gesandter war, seine letzte Ruhestätte in eben dieser Familiengruft.

In dem gleichen Jahr 1856 entstand in mir der gute Gedanke hinsichtlich der Kirchensänger im Ausland, der im folgenden Jahr seine offizielle Verwirklichung fand. Als ich 1851 meinen Dienst in Stuttgart antrat, fand ich bei der hiesigen Kirche zwei alte Psalmisten, die keinerlei Bildung besaßen und nur in der Weise der Kirchendiener lesen und singen konnten. Ich erinnere mich, wie einer von ihnen damit prahlte, dass er die Psalmen so singen kann, dass niemand das Gelesene versteht. Das war gerade im Winter 1856-1857, als der Großfürst Michail Nikolajewitsch nach Karlsruhe zu seiner Braut kam und anläßlich der großen Fastenzeit dort einen Gottesdienst wünschte. Wir hatten eine bewegliche Kirche, die früher in der Gesandtschaft war und jetzt nicht benutzt wurde, nachdem die Großfürstin Olga Nikolajewna ihre eigene Kirche mitgebracht hatte, und diese stellten wir in einem der Säle des Hofes auf und begannen dort die Gottesdienste. Einmal stand der Großfürst während der Stundenlesungen hinter dem Psalmisten und schaute auf das Buch, aus dem dieser die Stunden las, und hier zeichnete sich mein oberschlauer Psalmist aus und las so, dass man nichts verstehen konnte! Und wahrlich, was für unmögliche Psalmisten und Kirchendiener hatten wir im Ausland! Nicht von ungefähr ließ man sich bei der Abfahrt zu ihrem Dienst im Ministerium unterschreiben, dass sie im Falle schlechten Benehmens nach Russland zurückgeschickt und zu Soldaten gemacht würden. Mich regte besonders auf, dass die Ausländer sie als Kandidaten für das Priestertum betrachteten, während ihre undurchdringliche Ignoranz und das entsprechende Benehmen einen äußerst dunklen Schatten auf unsere Geistlichkeit warf, die sich ohnehin keiner besonderen Achtung unter den Ausländern erfreute. Deshalb entschloss ich mich auch, darauf zu bestehen, dass als Psalmisten im Ausland nur Personen mit höherer theologischer Bildung eingesetzt würden. Doch in jener Zeit war es sehr schwer, auch nur die einfachsten Maßnahmen durchzuführen, die, wenn auch noch so vernünftig, als Neuerung erschienen und die Jahrhunderte lange Routine durchbrachen. Ich versicherte mich im Voraus des Einverständnisses der Großfürstin und schrieb zunächst an den Protopresbyter Baschanow mit der Bitte, die Ansicht des Synods zu der geplanten Reform in Erfahrung zu bringen. Baschanow antwortete mir darauf, wie auch auf einige andere Gedanken, im Brief vom 2. November 1856 folgendes: "Ich bin Ihnen äußerst dankbar für Ihren interessanten Brief und bitte Sie, mir all Ihre Gedanken und Bemerkungen, die unsere Kirche betreffen, mitzuteilen. Ich bitte Sie darum nicht, weil ich mit Ihren Vorstellungen übereinstimme und sie zur Ausführung bringen könnte, sondern ich kann sie anderen weiterreichen, und unsere Gedanken würden über die Wiederholung allmählich zum Allgemeingut und würden der Verwirklichung nahe kommen. Ich hoffe, dass die freiwerdenden Stellen für Psalmisten in unserer Kirche im Ausland von Studenten der Priesterseminare besetzt werden. Ich hielte es für vorteilhaft, wenn einige der Kirchen Diakone hätten, die nach einigen Jahren die freiwerdenden Priesterstellen an der einen oder der anderen Kirche würdig besetzen könnten".

Nachdem ich mich einer solchen Meinung eines der einflussreichsten Mitglieder unserer Hierarchie versichert hatte, überreichte ich im folgenden Jahr bei meinem Aufenthalt in Petersburg dem Fürsten Gortschakow zu diesem Thema folgende Notiz:

"Bisher wurden als Psalmisten für unsere Kirche im Ausland solche Personen ausgewählt, die nur singen und lesen konnten, wobei auf ihre geistige Bildung nicht geachtet wurde. Als Folge davon geben sich diese Personen, die ein gutes Gehalt beziehen (mindestens 500 Rubel) und keine großen dienstlichen Verpflichtungen haben, in der Mehrzahl einem liederlichen Leben hin. Da sie durch ihre Bildung nicht vorbereitet sind, können sie sich lange nicht mit der Sprache und der Lebensweise des Landes vertraut machen, in dem sie leben und geben sich, losgelöst von verwandtschaftlichen Beziehungen, der Langeweile und verzweifeltem Müßiggang hin, welche manchmal, wie einige Beispiele beweisen, bis zum Wahnsinn führen. Wenn es auch geschieht, dass sich einige von ihnen an einem bestimmten Platz einleben, so entfremden sie sich allmählich in der Trennung von der Heimat von allem Russischen, besonders in den Fällen, in denen sie Ausländerinnen heiraten. Auf diese Weise bringen diese Menschen nicht den Nutzen, den man von ihnen erwarten könnte, wenn sie vor der Abreise ins Ausland einen gewissen Bildungsstand erreichten. Daher wäre es wünschenswert, dass unsere Regierung ihre Aufmerksamkeit auf diese Frage lenkte und die Posten der Psalmisten im Ausland für die Vorbereitung würdiger Diener der Kirche nutzen würde. Vielleicht würden auch Studenten der Akademie diese Posten nicht ablehnen, da das Gehalt eines Psalmisten im Ausland dasjenige eines Lehrers im Seminar übertrifft. Damit jedoch junge Menschen gerne solche Posten annehmen, müsste man ihnen eine gewisse Zukunft eröffnen, und erstens, die Dienstzeit im Ausland auf nicht mehr als 5 oder 7 Jahren ansetzen und unter keinen Umständen zulassen, dass jemand länger als 10 Jahre dort bleibt; zweitens, müsste man ihnen Diakons- oder Priesterstellen in den Hauptstädten versprechen, wo man besonders auch im geistlichen Stand Menschen braucht, die das europäische Leben kennen gelernt haben; drittens, den Vorstehern der Kirchen im Ausland die Möglichkeit überlassen, diese jungen Menschen auf dem Gebiet ihrer Bildung in fremden Ländern anzuleiten und jährlich über sie Berichte verlangen hinsichtlich ihrer Führung wie auch ihres Eifers zur Erreichung des vorgegebenen Ziels. Man kann völlig darauf vertrauen, dass unter solchen Umständen junge Leute die ihnen auferlegte Tätigkeit als Psalmisten in Ehren erfüllen werden, was im Ausland besonders wichtig ist, wo man unsere Kirchendiener nicht selten mit den Priestern verwechselt, indem man sie für Kapläne oder Gehilfen der Priester beim Vollzug der Sakramente hält".

Diese Meinung wurde von dem verstorbenen Kaiser Alexander II. angenommen und bekräftigt und im Außenministerium als Richtlinie für die Bestellung von Psalmisten im Ausland verwandt. Zum ersten Mal (das war 1861) gelang es mir, diese Maßnahme bei unserer Kirche in Stuttgart zur Anwendung zu bringen, wo alle alten Psalmisten pensioniert wurden und ihre Posten durch den Magister der Theologie Gortschakow und den Kandidaten Rozanow von der St. Petersburger Geistlichen Akademie besetzt wurden. Um noch mehr zur Besetzung der Psalmistenstellen im Ausland anzureizen, erlangte ich bei der geistlichen Oberbehörde die Erlaubnis, dass dieser Dienst vom Unterrichtsministerium anerkannt wurde. Daher wurden sie unter Bewahrung ihrer Rechte und Vorteile gemäß ihren akademischen Graden eingesetzt, weshalb sie auch ihre Uniformröcke unter den Chorgewändern trugen und tragen (zumindest in Stuttgart) und in diesen Röcken bei festlichen Anlässen erscheinen, wie z.B. in Stuttgart bei der allgemeinen Gratulation der Königin zum Neujahr oder zu anderen Anlässen. Diese in sich so nützliche Maßnahme stieß zunächst nicht bei allen Vorstehern der Kirchen im Ausland auf Wohlwollen. Nur Vater Janyschew in Wiesbaden wandte sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit bei sich an. Aber mein Beispiel überzeugte bald alle von dem zweifellosen Nutzen dieser Neuerung, und jetzt wird sie mit wenigen Ausnahmen überall im Ausland praktiziert. Besonders das Beispiel meines ersten Psalmisten M.I. Gortschakow musste allen deutlich vor Augen führen, dass junge Kandidaten der Theologie auf Psalmistenstellen im Ausland ihre Aufgabe nicht nur mit Ehre erfüllen konnten, sondern ihre Zeit zur eigenen Weiterbildung in der Theologie nutzen konnten. Der Psalmist M.I. Gortschakow besuchte während seines vierjährigen Auslandsaufenthaltes Vorlesungen der Tübinger Universität und hatte auch Zeit zum Besuch anderer deutscher Universitäten und promovierte nach seiner Rückkehr nach Russland zum Doktor der Jurisprudenz und Universitätsprofessor und schließlich auch zum Doktor der Theologie.