Einweihung der neuen Kirche im Hof der Großfürstin

Nach Stuttgart zurückgekehrt, begann ich mich auf einen länger anhaltenden Aufenthalt einzurichten, und mietete dafür eine bequemere Wohnung, in der ich meinen Einzug feierte, wozu ich meine Mitarbeiter aus der Gesandtschaft einlud; darauf eröffnete ich bei mir sonntags abends den Empfang für alle Russen, die in der Folge Stuttgart in größerer Zahl besuchten. Hier machte ich unter anderem die Bekanntschaft mit einer bemerkenswerten Persönlichkeit jener Zeit, dem Baron Haxthausen, dem bekannten Autor über Russland und sein wirtschaftliches Leben. Mit besonderer Erlaubnis unserer Regierung durchreiste er ganz Russland, wobei er sein Augenmerk hauptsächlich auf das Leben des Volkes wandte. In seinen Bekanntschaften mit den Bauern gelang es ihm, solch gutes Vertrauen besonders bei unseren Altgläubigen zu erwecken, dass er wohl als erster die Geschichte der Altgläubigen eröffnete oder zumindest niederschrieb... Als er zu mir kam, um mit mir wieder bekannt zu werden, wusste ich überhaupt nicht, dass er Katholik war und sogar, wie ich später erfuhr, ein eingefleischter Jesuit, und deshalb war unser Gespräch vom ersten Moment an außerordentlich unangenehm. Auf seine Frage, was ich tue, womit ich im Ausland besonders beschäftigt bin, antwortete ich, dass ich einerseits das Leben der hiesigen Kirche und Theologie studiere und andererseits versuche, die Deutschen mit unserer Kirche bekannt zu machen.

"So veröffentlichte ich vor kurzem", fuhr ich fort, "in der Darmstädter Allgemeinen Zeitung die Antwort des Patriarchen von Konstantinopel auf die Enzyklika Pius IX."

Bei diesen Worten sprang mein Gast vom Sessel auf und rief pathetisch aus, dass meine und der anderen Priester im Ausland Aufgabe darin bestehe, vermittelnd zu dienen und nicht Zwiespalt zwischen den Kirchen zu säen, dass der Papst von dem einen Gedanken der Aussöhnung mit der Ostkirche beseelt sei, dass man ihn nicht verstanden habe und dass eine Frucht dieses Missverständnisses auch die Antwort des Patriarchen von Konstantinopel sei. Dabei teilte er mir mit, dass er Gelegenheit hatte, über dieses Thema mit der Großfürstin Olga Nikolajewna zu sprechen, und dass er ihr eine schriftliche Mitteilung über diese Angelegenheit zukommen lassen werde. Tatsächlich richtete er bald darauf ein Schreiben an ihre Hoheit mit seinen Ansichten über die Vereinigung der Kirchen. Die Großfürstin übergab mir dieses Schreiben und beauftragte mich, darauf zu antworten. Auf diese Weise entspann sich zwischen uns eine lange Korrespondenz, in der all das durchgesprochen wurde, was jemals über die Trennung der Kirchen gesagt wurde. Als wir schließlich zu der Überzeugung gelangten, dass Baron Haxthausen und ich in zu starkem Maße Privatpersonen waren, um eine Frage von so weit reichender Bedeutung zu lösen, schlug ich meinem Antagonisten vor, diese Korrespondenz zu veröffentlichen und dadurch neues Interesse an dieser Angelegenheit zu wecken, die wegen der Länge der Jahre bereits begann, ins Archiv gelegt zu werden. Doch Haxthausen war damit nicht einverstanden, da er vielleicht wegen seiner Kompromissbereitschaft, die er im Briefwechsel mit mir an einigen Stellen an den Tag gelegt hatte, Angst hatte, schickte mir sein Porträt und bat mich, mit ihm in persönlicher Freundschaft zu verbleiben.

Wegen des Krieges mussten in jener Zeit alle Russen, die gewöhnlich in Paris lebten, dieses Land verlassen, und viele von ihnen siedelten nach Stuttgart über. So auch die Fürstin Butera, die in erster Ehe mit dem Grafen Schuwalow verheiratet gewesen war, in zweiter Ehe aber mit Graf Pogliet, und nach dem dritten Mann die Besitzerin einer reichen Villa in Palermo wurde, wo 1846 während des dortigen Aufenthaltes der Zarin Alexandra Feodorowna die Verlobung der Großfürstin Olga Nikolajewna mit dem Erbprinzen von Württemberg stattfand. Deshalb war ihr Aufenthalt in Stuttgart sowohl für die Großfürstin als auch besonders für die Bevölkerung Stuttgarts sehr angenehm. Als Besitzerin großer Mittel gab die Fürstin Butera sehr viel Geld aus und ließ allen, die sich an sie wandten, Almosen zukommen. Schließlich kam es so weit, dass sich selbst junge Offiziere mit der Bitte um Unterstützung bei ihrer Erstausstattung an sie wandten und 500 oder 1.000 Gulden erhielten.

In diesem Jahr erfolgte in der Gesandtschaft in Stuttgart eine Veränderung. Gortschakow wurde zum Gesandten in Wien ernannt, und seine Stelle nahm V.P. Titow ein, der bis zum Krieg Botschafter in Konstantinopel gewesen war. Diese Veränderung verschaffte mir das neue Vergnügen, in ihm einen Russen an Herz und Seele kennenzulernen, der mit einem forschenden Verstand begabt war und sich für alles bis zu den letzten Einzelheiten des Wissens und des Lebens interessierte. Auch seine Familie verschaffte mir neue Nahrung für Verstand und Herz sowohl in den Gesprächen mit seiner Gattin wie auch im Unterricht mit seinen Kindern. 

Das Ende des Jahres 1854 ist mir dadurch in Erinnerung, dass im Dezember dieses Jahres die neue Kirche im Hof der Großfürstin eingeweiht wurde. Bis dahin wohnte die Großfürstin mit ihrem Gemahl in dem großen Königshof, und die Kirche, die früher als Gesandtschaftskirche gedient hatte, war zeitweilig in einem Anbau des Hofes untergebracht. Als aber der neue für den Kronprinzen gebaute Hof fertig war, wurde hier für die Kirche ein besonderer Saal eingerichtet, in dem auch der eigene Ikonostas ihrer Hoheit eingebaut wurde. Zur Weihe dieses neuen Raumes wurden Vater Janyschew aus Wiesbaden und Vater Sudakow aus Genf eingeladen. Einen Diakon erhielten wir aus Bern; er war dort als Psalmist tätig und wurde genau zu der Zeit zum Diakon geweiht, als wegen des Krieges des Sonderbundes 1846 unsere Gesandtschaft aus der Schweiz abberufen und gleichzeitig unsere Kirche dort geschlossen wurde, bis sie auf Wunsch der Großfürstin Anna Feodorowna, der geschiedenen Gattin des Großfürsten Konstantin Pawlowitsch, Anfang der fünfziger Jahre nach Genf überführt wurde. Infolgedessen blieb der Berner Diakon vom Tag seiner Weihe an in partibus infidelium, und als er zu uns zum Gottesdienst kam, war er in solchem Maße unfähig zu zelebrieren, dass er z.B. in der Fürbitte für die "Reisenden zu Wasser und zu Lande in diesem heiligen Hause" betete und dadurch unwillentlich die Anwesenden zum Lachen reizte. Dabei erinnere ich mich an die Ungeschicklichkeit eines anderen Mitzelebranten bei diesem Fest. Vater Sudakow, der niemals zuvor bei Hofe gewesen war, musste sich hier zum ersten Mal einer hochgestellten Persönlichkeit vorstellen. Vom Hof zurückgekehrt, erzählte er mir begeistert, wie er von der gütigen Aufnahme der Großfürstin bezaubert war.

"Ich wollte so dieses Gespräch verlängern, – sagte er –, dass ich bereit gewesen wäre, eine ganze Stunde bei ihr zu sitzen, doch ich genierte mich, stand auf und ging".

"Wie, – sage ich –, stand auf und ging! Kann man etwa bei der Audienz bei hochgestellten Persönlichkeiten einfach gehen, ohne entlassen zu werden?" 

Danach traf ich bald die Großfürstin, und sie sagte mir, dass sie Vater Sudakovw sehr interessant gefunden habe. 

"Nur, – fügte sie hinzu –, er hatte es irgendwie eilig, und ich konnte mit ihm nicht länger sprechen".