Stuttgart, pastorale Pflichten als Priester, neue Pflichten als Hofpriester

Mit meinem Wechsel nach Stuttgart beginnt ein neuer Abschnitt meines Lebens, sowohl äußerlich als auch innerlich. Hier traf ich auf ein völlig anderes Milieu als in Wiesbaden. Dort war ich, kann man sagen, Gemeindepfarrer. Meine Beziehungen zu meinen Landsleuten waren äußerst mannigfaltiger Art. Da es in Wiesbaden keinen russischen Vertreter gibt, muss der dortige Priester fast konsularische Aufgaben übernehmen. In jedem Fall stellt er einen Mittelpunkt dar, um den sich nicht nur seine orthodoxen Landsleute scharen, und er muss die Verpflichtungen des Hausherrn für ankommende und durchreisende Russen erfüllen, die sich sogar mit solchen Bitten an ihn wenden wie der Hilfe bei der Wohnungssuche, der Suche nach gutem Dienstpersonal u.ä. In Stuttgart hörte das alles auf. Hier gibt es eine Gesandtschaft, doch durchreisende Russen gibt es nicht. Auf diese Weise beschränkt sich das Aufgabengebiet des Priesters hier auf die engen Grenzen der Erfüllung seiner pastoralen Pflichten. Außerdem erlegt ihm die Position des Hofpriesters neue Pflichten auf, die sich ganz wesentlich von der Position des gewöhnlichen Auslandspriesters unterscheiden. Ich musste das sofort zu Beginn erfahren und mir diese Lehre für mein übriges Leben und Tätigkeit am neuen Ort zu Herzen nehmen. Als ich kaum nach Stuttgart umgezogen, oder besser gesagt, überführt war, ereignete sich ein mir zunächst überhaupt nicht verständlicher, doch dann aufklärender Umstand. Zum ersten Mal war ich im Hotel abgestiegen und aß am nächsten Tag mit meinen Kindern am gemeinsamen Tisch, wo ich mich in ein Gespräch mit meinem Nachbarn einließ, einem mir völlig unbekannten Herrn, der mich über Wiesbaden ausfragte und über meinen Wechsel nach Stuttgart. Am folgenden Tag ruft mich die Fürstin Gortschakow zu sich und sagt mir:

– Sie unterhielten sich gestern mit einem Herrn am Tisch und sagten dies und das.

Mich verwunderte entsetzlich, wie mein Gespräch der Frau des Gesandten zu Gehör kommen konnte. Darauf antwortet sie:

– Ich rate Ihnen, hier außerordentlich vorsichtig in der Wahl Ihrer Bekanntschaften zu sein. Nicht das ist wichtig, was Sie über dies oder jenes sagten, sondern das wichtigste ist, dass Sie mit diesem Herrn sprachen. Ich muss Sie warnen, dass es hier zwei Parteien am Hofe gibt, eine vom großen und eine vom kleinen, zu dem Ihre Großfürstin gehört. Der Herr, mit dem Sie Bekanntschaft schlossen, gehört zur ersten Partei, als deren Mittelpunkt der Salon der Maitresse des alten Königs dient. Er erzählte gestern in diesem Salon, dass er den neuen Geistlichen der Großfürstin kennen gelernt hat, und das allein kann schon einen unangenehmen Schatten auf Sie werfen. Deshalb bitte ich Sie, hier vorsichtiger in der Wahl der Bekanntschaften zu sein.

 

Dies war eine völlig neue Lehre für mich, und ich zog meine Konsequenzen daraus, indem ich meinen Bekanntschaftskreis auf die kleine Schar von Russen beschränkte. Doch auch hier stieß ich bald auf eine Lehre, die für mich noch bedeutender war. Ich bezog eine Wohnung gegenüber der Wohnung des Sekretärs unserer Botschaft, des Fürsten Schtscherbatow. Seine junge Gattin gewann meine Kinder so lieb, dass sie sie dauernd zu sich zum Spielen in den Garten einlud. Mit ihnen war auch ich häufig in dieser gastfreundlichen und gütigen Familie, und da ihr Haus oft von Gästen gefüllt wurde, fiel es auch mir zu, an ihren Salongesprächen teilzunehmen. Einmal geschah es, dass man irgendeinen öffentlichen Skandal besprach, über den auch ich meine Meinung abgeben musste. Eine der Hofdamen, die an diesem Gespräch teilnahmen, nahm meine Worte auf, legte sie in ihrer Weise aus, überbrachte mein Urteil dem Hof, und hier begann das Gerede. Obwohl die Fürstin Schtscherbatow sich für mich einsetzte und dieser Dame erklärte, dass sie ihre Türen für alle außer mir als ihrem geistlichen Vater völlig schließen werde, wenn diese es noch einmal wagen würde, meine Worte zu zitieren, die sie in ihrem Salon mitgehört hatte, so zwang mich dieser Vorfall doch dazu, mich in meinem Arbeitszimmer einzuschließen und mich noch tiefer in mich selbst zurückzuziehen. Wenn das auch etwas beängstigend für mich war, so brachte es doch seinen Nutzen. Ich begann zu lesen und beschloss zu schreiben ...

 

... Hier stand ich ausschließlich im Dienst der Großfürstin. Außer den Angehörigen der Gesandtschaft, die aus dem Gesandten, dem Fürsten A.M. Gortschakow, bestand, dem Ersten Sekretär Stofrengen und dem zweiten Sekretär, dem Fürsten Schtscherbatow, waren hier keine Russen. Doch ungeachtet dessen war mein Dienst nicht leicht, besonders in der Großen Fastenzeit. Die Großfürstin fastete und bereitete sich in der ersten Woche auf den Empfang der Heiligen Gaben vor, und die Gottesdienste wurden in ihren inneren Gemächern durchgeführt. Beginnend am Montag um 9 Uhr wurde der Morgengottesdienst und die Stunden durchgeführt, mittwochs und freitags die Liturgie der Vorgeweihten Gaben, und abends der Große Kanon um 7 Uhr. Nach den Stunden musste ich der Großfürstin, die sich in dieser Zeit mit Modellierarbeiten beschäftigte, etwas vorlesen. Bei der Lektüre begannen wir häufig ein Gespräch über das Gelesene, und mich erstaunte in immer stärkerem Maße die hohe religiöse Bildung der Großfürstin, so dass ich mich auf diese Lektüre vorbereiten musste, um nicht von der einen oder anderen Frage oder Bemerkung, die die Großfürstin während der Lektüre machte, überrumpelt zu werden. Das erfüllte mein Leben so sehr, dass ich in meinem neuen Aufgabenbereich den höheren Sinn meines Lebens zu erblicken begann. Aber ich würde nicht sagen, dass ich damals meine endgültige Bestimmung zu diesem Ziel erkannte. Im Gegenteil, da man mir bei meiner Versetzung nach Stuttgart sagte, dass zwei Dienstjahre an diesem Ort auch für meine Kinder wegen des Klimas nützlich sein werden, betrachtete ich meinen Dienst als vorübergehend, denn ich wollte bald nach Russland zurückkehren. Deshalb hauste ich in meiner engen und ungemütlichen Wohnung wie in einer Manöverunterkunft, ohne mich auf einen längeren Aufenthalt einzurichten. Tatsächlich nahm ich jedoch schon bei Beginn meines Dienstes in Stuttgart eine andere ernsthafte Tätigkeit in der Familie des Fürsten Gortschakow wahr – das Erteilen von Religionsunterricht an seine Kinder. Doch auch hier sah ich noch nicht, dass ich in Kürze nicht nur mit den Kindern, sondern ebenso mit dem Fürsten durch die Bande christlichen und dabei herzlichen Mitgefühls aus Anlass des Todes seiner Gattin verbunden würde. Vorläufig waren meine Beziehungen zum Haus des Gesandten äußerst freundlich seinerseits und äußerst eifrig meinerseits.

 

Außer der Gesandtschaft war in Stuttgart noch ein russisches Haus, in dem ich inmitten meiner Einsamkeit häufig Zuflucht fand. Das war die Familie des Sekretärs der Großfürstin, N.F. Adelung, mit dem ich von Anfang an schon deshalb Freundschaft Schloss, weil er mit meinem Vorgänger nicht auskam und dauernd Unannehmlichkeiten mit ihm hatte. Ungeachtet des deutschen Namens und des lutherischen Bekenntnisses war diese Familie rein russisch und zeichnete sich sowohl durch ihre Gastfreundschaft als auch besonders durch die gegenseitige Freundschaft und Liebe aller ihrer Mitglieder untereinander aus. Als wir unsere Freundschaft später vertieften, fand ich in dieser gütigen Familie nicht selten Trost und Rat in meinen dienstlichen Angelegenheiten. Daran erinnern mich viele Briefe des verstorbenen Nikolaj Feodorowitsch.

 

Meine Beziehungen zum Klerus waren sehr unbedeutend, da ich in Stuttgart zwei Kirchendiener der alten Schule vorfand, von denen der eine fast eingedeutscht war, während sich der andere nur durch die Größe seiner Familie auszeichnete. So antwortete er in meiner Gegenwart einmal anlässlich der Beglückwünschung zu einem Neugeborenen durch die Großfürstin auf ihre Frage, das wievielte das nun sei, mit einer Verbeugung und verkündete: "Das 24., Eure Hoheit!". Mir schien es von Anfang an ungeheuerlich, solche Kirchendiener bei hochgestellten Persönlichkeiten im Ausland zu unterhalten, deren man sich an Gemeindekirchen in Russland schämen würde. Deshalb begann ich daran zu denken, wie man diese nicht nur in Stuttgart, sondern überall im Ausland durch gebildete Leute ersetzen könnte, was mir dann auch gelang, als Fürst Gortschakow, der diesen Gedanken ebenfalls hegte, Außenminister wurde. 

 

1852 hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit, der Kaiserin Alexandra Feodorowna vorgestellt zu werden. Sie befand sich in Schlangenbad, und ich wurde von der Großfürstin Olga Nikolajewna dorthin gerufen, die sich ebenfalls dort aufhielt. Ich wusste nicht, wie ich bei ihr erscheinen sollte, in geistlicher oder weltlicher Kleidung, und nachdem ich dafür eine besondere Erlaubnis erhalten hatte, stellte ich mich im Frack vor. Bei meinem Erscheinen sprach mich die Kaiserin mit einem gnädigen Lächeln auf Deutsch an: Wie soll ich Sie empfangen – priesterlich oder menschlich? Und dann, als sie meinen Segen erhalten hatte, erkundigte sie sich gütig über meine Kinder, über meinen Dienst bei der Großfürstin. Meine Kinder befanden sich damals zur Kur in Kreuznach, wo ich sie besuchte. Doch zum 25. Juni, dem Geburtstag des Kaisers, wurde ich zum Gottesdienst nach Bad Ems beordert, wo sich zu der Zeit die Großfürstin Olga Nikolajewna aufhielt. Hier erhielt ich von der Kaiserin einen Brillantring nicht für den Gottesdienst, sondern als Zeichen ihres Wohlwollens.