Napoleon und der Kaiser in Stuttgart – Fürst und Fürstin Wjazemskij

Als wir schon zur Abreise bereit waren, rief Fürst Gortschakow uns beide ins Ministerium und eröffnete uns, dass wir umgehend nach Stuttgart zurückkehren müssten, da dort in einigen Tagen ein Treffen zwischen Kaiser Napoleon III. und unserem Herrscher stattfinden würde und sich daher alle in Stuttgart Diensttuenden auf ihren Posten zu befinden hätten. So musste ich mich sowohl von dem geplanten Projekt als auch von der Heimat verabschieden und ins Ausland eilen. Den Fürsten Golitzyn schickte man sogar mit dem Kurier nach Stuttgart, und ich fuhr nach Moskau, um von dort aus mit der Postkutsche nach Warschau zu reisen; von dort gab es bereits eine durchgehende Eisenbahnverbindung nach Stuttgart. Nachdem ich ganze achte Tage fast ohne Unterbrechung in der Postkutsche gesessen hatte, war ich froh, einen bequemen Waggon zu finden, in dem ich es mir fast so bequem wie daheim machte. Ich rechnete mir aus, dass ich nach drei Tagen, genau am Vorabend der Ankunft des Herrschers in Stuttgart eintreffen würde. Von der langen Reise ermüdet, schlief ich jedoch in der Nähe von Frankfurt so fest ein, dass ich überhörte, dass ich hier hätte aussteigen müssen. Als der Schaffner kam, und meine Fahrkarte verlangte, stellte sich heraus, dass ich nach Kassel, also genau in der entgegen gesetzten Richtung fuhr. Das Ende dieses Versehens war, dass man mich am nächsten Bahnhof absetzte und mich für die unnötig gefahrene Strecke zahlen ließ. Nachdem ich alle Eilzüge verpasst hatte, musste ich mich langsam zurückquälen, wodurch ich einen ganzen Tag zu spät nach Stuttgart kam. Beim Verlassen des Bahnhofs in Stuttgart, der dort mitten in der Stadt liegt, sah mich gerade der Herrscher, der dort eben vorbeifuhr und mich, als er mich erkannte, huldvoll begrüßte. Bei Hofe war man inzwischen schon beunruhigt, dass ich nicht rechtzeitig zur Stelle war, doch die erste Nachricht von meiner Ankunft überbrachte dort der Herrscher selbst.

Die Tage des Zusammentreffens von Napoleon und unserem Herrscher stellen in der Chronik Stuttgarts einen strahlenden Zeitabschnitt dar. Neben der hochpolitischen Bedeutung eines Treffens der beiden mächtigsten Herrscher jener Zeit kurz nach dem Krimkrieg, das durch die weise und geschickte Politik unseres berühmten Kanzlers zustande gekommen war, verblüffte mit seiner Großartigkeit schon der äußere Glanz, der in der sonst bescheidenen Hauptstadt Württembergs erstrahlte.

Ganz zu schweigen von dem Gefolge von Persönlichkeiten, das sich zu diesem Treffen versammelt hatte und das nicht nur mit Uniformen sondern auch durch den Ruf von Verdiensten um den Staat glänzte, erstaunte eine gewisse Anzahl von Hoheiten, die von verschiedenen Seiten zusammengekommen waren, mit ihrer Ungewöhnlichkeit. So bemerkten die Stuttgarter Chronisten, dass bei der Galavorstellung in ihrem Theater neben zwei Kaisern und ihrem König drei Königinnen, nämlich die Königinnen von Württemberg, von Holland und von Griechenland, sowie eine Kaiserin, Maria Alexandrowna, teilnahmen, ohne die Großfürstinnen und Prinzessinnen hierbei mitzuzählen. Es heißt, Napoleon sei bei seinem Eintreffen auf dem zu seinen Ehren veranstalteten Ball in Wilhelm, der Sommerresidenz des Königs von Württemberg, im Kreise dieser strahlenden Gesellschaft so verlegen gewesen, dass er sich erst von der Stelle rühren konnte, als unser Herrscher auf ihn zuging und ihn bei der Hand nahm und zur Kaiserin führte. Vor dem Eintreffen Napoleons in Stuttgart wusste keiner, ob er alleine kommen, oder ob er seine Gemahlin Eugénie ebenfalls mitbringen würde. Unsere Kaiserin verblieb deshalb in Darmstadt und dachte nicht daran, nach Stuttgart zu kommen, wenn zusammen mit Napoleon die Gräfin Montego, die nun den Titel Kaiserin trug, käme.

Aber mit der ihm angeborenen Schläue und Heuchelei legte Napoleon während des gesamten Aufenthaltes in Stuttgart so viel Bescheidenheit und Friedfertigkeit an den Tag und überraschte damit alle, dass er sich in Anwesenheit unseres Herrschers nicht eher setzen wollte, als man ihn dazu aufforderte. Gegenüber unserer Kaiserin und der Großfürstin Olga Nikolajewna geriet er übrigens ganz in Verlegenheit. Nachdem er sich selbst als Parvenu bezeichnet hatte, fand er sich zum ersten Mal im Leben der Größe wahrhafter Hoheiten gegenübergestellt.

Der stille und ruhige Winter des Jahres 1857/58 war für die Betätigung günstig, und die damals beginnende Unruhe der Gemüter in Russland regte zum Denken und Überlegen an. Zu jener Zeit brannte ich darauf, etwas zu tun, konnte es jedoch nicht. Das Schicksal hielt mich unerbittlich im ordentlichen Zimmer meiner Stuttgarter Wohnung fest. Und wiederum bekam ich die Möglichkeit, nach Russland umzuziehen. Großfürstin Olga Nikolajewna wollte mich als Beichtvater bei sich behalten. Dieses Mal jedoch verhielt ich mich dem für mich wünschenswerten Umzug gegenüber passiv und überließ die Lösung dieser Frage dem höchsten Willen. In Anbetracht des Vermächtnisses des verstorbenen Herrschers Nikolaj Pawlowitsch “Behüten Sie meine Olenka”, wagte ich es nicht mehr freiwillig, meinen Posten zu verlassen und konnte, als Großfürstin Olga Nikolajewna meine eigenen Ansichten zum Dienst bei ihr oder in Russland erkundete, nur ganz bewusst antworten, dass es mir bei ihr nur zu gut gehe und es nur zu bequem wäre und ich mich danach sehne, einen, wenn auch nur kleinen Teil der Bürde des derzeitigen Kampfes, von dem alle und jeder in Russland erfasst sind, mit zu tragen. Sie antwortete mir darauf, dass ich an meinem Platz aktiv an der gemeinsamen Sache teilnehmen könne und dies sogar mit größerem Nutzen, indem ich von hier aus die von der historischen Erfahrung errungenen Ergebnisse der Kultur und Zivilisation auf den Boden der Heimat hinübertrage.

"Schreiben Sie Ihre Gedanken nieder, tun Sie Ihre Eindrücke kund und Sie werden damit an der gemeinsamen Sache teilhaben", sagte sie.

Und ich befolgte diesen guten Rat, indem ich mich anschickte, zu arbeiten und zu schreiben. So sandte ich zu Beginn des Winters auf den Namen des Oberprokurors des Synods, des Grafen Tolstoj, zusammen mit Anmerkungen über die Konferenz der evangelischen Kirche, die in Stuttgart stattgefunden hatte, den Entwurf einer neuen Kirchenzeitung, der auf Grundlagen beruhte, die bis dahin in unserem theologisch-kirchlichen Zeitungswesen unbekannt waren.

Daraufhin antwortete Graf Tolstoj mir: "Euer Brief, den ich zusammen mit den Anmerkungen erhalten habe, und in dem Ihr die Herausgabe einer neuen Kirchenzeitung vorschlagt, ist sehr interessant und traf zur rechten Zeit ein. Derzeit wird bei uns viel an der Herausgabe einer neuen Kirchenzeitung gearbeitet. Beginnend mit diesem Jahr haben wir verschiedene Verbesserungen bei allen unseren Zeitungen, die an den geistlichen Akademien erscheinen, vor. Leider ist Euer Brief mit den Anmerkungen über die von Euch vorgeschlagene Herausgabe einer geistlichen Zeitung Seiner Heiligkeit abhanden gekommen, wie er in seinem Brief erklärt. 

Solltet Ihr das Manuskript noch besitzen, bitte ich Euch, es abzuschreiben und es mir zuzuschicken. Wenn nicht, macht Euch die Mühe, Euere Gedanken erneut darzulegen, da sie bei den zukünftigen Überlegungen bezüglich Zeitungen von Nutzen sein können, selbst wenn es sich als ganz unmöglich herausstellen sollte, Eure Vorschläge in die Tat umzusetzen."

Der verstorbene Metropolit Grigorij schien die Angewohnheit zu haben, ihm zugesandte Manuskripte zu verlegen und ich meinerseits, der noch aus den Zeiten der Akademie her die unrühmliche Angewohnheit hatte, meine Aufsätze sofort ins Reine zu schreiben, musste daher, als ich bereits nach dem Tode des Metropoliten Grigorij durch das Konsistorium gefragt wurde, ob ich das Manuskript einer Notiz über die religiöse Bewegung im Westen im Zusammenhang mit den politischen Ereignissen der letzten Jahre, das ich dem Metropoliten ebenfalls übersandt hatte, noch hätte,  antworten, dass dieser Artikel von mir zu einer Zeit geschrieben worden war, als die Eindrücke der Ereignisse, die sich vor meinen Augen abspielten, noch frisch waren und dass eine Zweitschrift dem nochmaligen Erleben einer fernen Vergangenheit gleichkäme.

Fürst Peter Andrejewitsch (Wjazemskij) machte sein Versprechen wahr und besuchte mich im Laufe des Sommers auf dem Rothenberg. Als ich dort mit ihm um unsere Kirche spazierte, von wo sich nach allen Seiten ein wunderbarer vielfältiger Blick eröffnet, wollte ich seinen poetischen Nerv ansprechen.

“Ich will Ihnen erzählen, Fürst”, sagte ich, “was ich einmal träumte. Vor dem Schlafengehen las ich im Evangelium von dem Wunder, als Jesus Christus die Wellen auf dem See beruhigte, und ich schlief über den letzten Worten ein: 'Was seid ihr so furchtsam? Wie habt ihr so wenig Glauben?' (Mk. 4, 40). Die metrische Form dieses Verses prägte sich mir so tief in meine Vorstellung ein, dass ich, glaube ich, ihn die ganze Nacht im Schlaf wiederholte, bis sich schließlich gegen Morgen ein ganzes Gedicht zu diesem Thema in meiner Vorstellung geformt hatte. Ich durchlief zunächst so lebendig und mit so feinen Versen das ganze Leben des Menschen, sodann die gesamte Weltgeschichte, wobei ich jeden Teil mit dem Refrain Schloss: 'Was seid ihr so furchtsam? Wie habt ihr so wenig Glauben?' dass ich mir, nachdem ich aufgewacht war, dieses wunderbare Gedicht deutlich vorstellte. Ich sprang sogar vom Bett auf mit der Absicht, das alles auf Papier niederzuschreiben. Doch bei der ersten Bewegung des Kopfes verschwand alles wie ein Traum, und ich war außerstande, mir auch nur ein einziges Wort aus diesen erhabenen Versen ins Gedächtnis zu rufen, in die mein wunderbares Gedicht so leicht geflossen war. Das ist die Grundlage, Fürst, auf der wir mit Ihrem dichterischen Talent ein ausgezeichnetes Werk wiederherstellen könnten!”

Wjazemskij knurrte wie immer, als er meine angeregte Erzählung hörte, und sagte nach kurzen Nachdenken: “Ich fürchte, das geht über meine Kräfte”. Dennoch wartete ich lange und verfolgte jedes neue Werk von ihm in der Hoffnung, dass seine Seele auf dieses reiche Thema für ein dichterisches Werk eingehen würde. Doch das Warten war vergeblich. 

Bald danach ereilte den Fürsten Wjazemskij die Krankheit, die ihn mit zeitweiligen Unterbrechungen bis zu seinem Tode nicht mehr losließ. Dabei ist bemerkenswert, dass jedes Erwachen seines Geistes aus der Umnachtung von einem neuen Werk seines dichterischen Genies begleitet war. Als er sich einmal im äußerst traurigen Zustand seelischer Verwirrung in Dresden befand, sandte er plötzlich nach Stuttgart auf den Namen der Großfürstin Olga Nikolajewna das anonyme Gedicht: “Butterwoche im fremden Land”. Niemand konnte denken, dass dieser fröhliche Scherz aus der Feder des Fürsten Wjazemskij entspringen konnte, von dem alle wussten, dass er sich beim Arzt für seelisch Kranke befindet, bis ein Vers in diesem Scherz: “die Brezel ist mein Namensvetter” daran erinnerte, dass Brezeln bei uns unter dem Namen Wjazemskij bekannt sind, und dass der Autor dieses Gedichts niemand anderes sein konnte als eben Fürst P.A. Wjazemskij. Nachforschungen ergaben, dass dies tatsächlich so war, und dass der Kranke von diesem Moment an wieder gesund wurde. Doch dann vergingen Monate und Jahre, in denen der arme Dichter wieder in seinen traurigen Zustand verfiel. 

Ich sah den Fürsten zweimal in diesem krankhaften Zustand. Einmal war dies in Stuttgart, wo er mit seiner Gattin einen Teil des Winters verbrachte. Ich komme in das Hotel, in dem sie abgestiegen waren, und finde zu meinem nicht geringen Erstaunen die Fürstin auf einer Bank vor der von ihnen benutzten Wohnung im Korridor sitzend.

“Was ist passiert, Fürstin?”, frage ich. “Nun, er hat mich aus dem Zimmer gejagt”, antwortete sie ganz ruhig. 

Seltsam! Während seiner finsteren Stimmung machte der Fürst nur seine Frau zum Opfer seiner Erregbarkeit, wogegen er allen anderen gegenüber freundlich war, ja nicht einmal seinen Dienern ein unwirsches Wort sagte. Anlass zu den Ausfällen gegen die Fürstin war die Eifersucht. Die Fürstin war um zwei Jahre älter als er und wurde von ihrem kranken Mann der ehelichen Untreue verdächtigt. Doch mit welcher wahrhaft christlichen Geduld, mit welcher Liebe ertrug sie diese krankhaften Anfälle ihres Mannes. Ich erlebte das, als ich einige Jahre später auf besonderen Wunsch der Großfürstin Olga Nikolajewna den erkrankten Fürsten wieder in Bonn besuchen musste. Dieses Mal befand er sich im allertraurigsten Zustand seiner Geisteskrankheit, und der Arzt, in dessen Anstalt er sich befand, trennte ihn vom Umgang mit allen, weshalb man auch mich nicht zu ihm ließ. Ich konnte mit der Fürstin nur unbemerkt aus dem Fenster beobachten, wie er im Garten spazieren ging und mit sich selbst sprach. Als man ihn wieder in sein Zimmer führte und einschloss, nahm die Fürstin einen Stuhl und setzte sich auf dem Korridor vor der Zimmertür und legte das Ohr an das Schlüsselloch. Und so saß sie stundenlang und hörte zu, wie er mit sich selbst sprach.

Die Fürstin Wjazemskaja überlebte ihren Mann um einige Jahre, und noch im Alter von 96 Jahren war sie frisch an Geist und Verstand. Ich traf sie im Frühjahr 1886 in Baden-Baden einige Monate vor ihrem Tod. Sie erkannte völlig ihr Alter und sprach freimütig von ihrem bevorstehenden Tod – ohne Angst und Aufregung. 

“Den Tod fürchte ich nicht, – sagte sie –,  und ich bin bereit dazu. Eines nur stört mich, nämlich dass ich in einem so langen Leben so wenig Gutes getan habe. Meine Schwester, die Fürstin Tschetwertinskaja, lebte auch 90 Jahre und starb in dem Bewusstsein, in ihrem Leben viel Gutes für die Menschen getan zu haben!

Da erinnerte ich sie an das Kreuz, das sie zu Lebzeiten ihres Mannes getragen hatte, und daran, dass ihre selbstlose Ergebenheit an ihre Pflicht viele gute Taten wert sei, die sie Außenstehenden aus Mangel an eigenen schwierigen Lebensaufgaben hätte erweisen können. Die alte Dame nahm diese Bemerkung mit der ihr eigenen Bescheidenheit auf, ohne sich selbst, scheint es, der Größe ihres Lebenswerkes bewusst zu werden.