Versetzung nach Stuttgart

Vorstellung bei der Großfürstin Olga Nikolajewna

Bevor ich noch nach Wiesbaden zurückkehrte, erreichten mich von allen Seiten Gerüchte, dass man es in Stuttgart auf mich abgesehen habe, wo der überalterte und schon lange im Ausland weilende Erzpriester Pewnitzkij seinen Dienst aufgeben muss. Ihn hatte ich ein Jahr zuvor in Stuttgart kennen gelernt, als mein Freund Glinka, der mir unbedingt eine Gelegenheit verschaffen wollte, Stuttgart zu besuchen, irgendeinen Kurierdienst für den Fürsten Gortschakow erdachte, und mich auf Staatskosten dorthin entsandte. Ich erinnere mich, dass Vater Pewnitzkij damals den seltsamen Eindruck eines Dorfpfarrers auf mich machte. Er musste viele Jahre auf dem Berg Rothenberg verbringen, wo die Grabkirche der württembergischen Königin Katherina Pawlowna steht. Hier lebte er in völliger Einsamkeit, hatte keinerlei Verbindung zu Russen, außer seinen zwei Psalmisten, die mit ihm im gleichen Haus wohnten, und nach damaligem Brauch keinerlei Bildung besaßen; so war er völlig verwildert. Die einzige Gesellschaft, in der er viele Jahre hindurch verkehrte, waren die benachbarten Dorfpastoren, und da Rothenberg zwischen Weinbergen liegt, war es nicht verwunderlich, dass ihre Gespräche durch das Produkt der Weintraube belebt wurden, und dieser Brauch täglicher Trinkgelage schwächte den armen Greis so sehr, dass ihm schließlich zwei Gläser Wein genügten, um ihn in völlige Trunkenheit zu versetzen. Als ich zu ihm kam, lebte er schon in der Stadt, wohin er seit dem Dienstantritt des Fürsten Gortschakow als Gesandter übergesiedelt war, da dieser angesichts der äußersten Unannehmlichkeit von Fahrten von zehn Meilen zur Kirche auf den Rothenberg bei der Regierung die Einrichtung einer Hauskirche bei der Gesandtschaft durchgesetzt hatte. Da er sein Dorfleben auf dem Rothenberg lieb gewonnen hatte, fuhr er mit mir am gleichen Tage dorthin, und wir übernachteten dort.

Ich erinnere mich, mit welcher Begeisterung ich in dem mir zugewiesenen Zimmer schlafen ging. Es war eine Mondnacht. Durch das offene Fenster sah ich unten das im Grün und in Gärten ertrinkende Dorf Löbach. Darüber erhoben sich in der Ferne die Berge der Schwäbischen Alb. Rundum Stille; irgendwo in der Nähe sang eine Berglerche, die Luft war vom Aroma blühender Bäume gesättigt, das von einem unterhalb liegenden Hain von Fruchtbäumen aufstieg. Es war im Mai, und ich schaute lange aus dem Fenster, da ich mich von diesem begeisterungswürdigen Anblick nicht losreißen konnte. Doch mir kam es nicht in den Kopf, dass all diese Pracht in einem oder anderthalb Jahren mir nicht nur für einen Abend, sondern für viele und lange Jahre zum Genuss gereichen würde.

In Stuttgart blieb ich zwei Tage, und hatte das Glück, Ihrer Kaiserlichen Hoheit, der Großfürstin Olga Nikolajewna vorgestellt zu werden, ohne auch nur im geringsten daran zu denken, dass es mir beschieden sein würde, ihr zu dienen. Übrigens übte Stuttgart im Vergleich zu Wiesbaden auf mich den Eindruck irgendeines dunklen Winkels aus, in den man nur durch Zufall gelangen konnte, während Wiesbaden und seine Umgebung die große Straße darstellte, auf der Verkehr und Licht und immer Gesellschaft war. Als mir daher zu Ohren kam, dass mir eventuell der Wechsel nach Stuttgart als neuem Dienstort bevorstünde, wollte ich davon nichts hören, umso mehr als ich die feste Absicht hatte, in zwei Jahren nach Russland zurückzukehren. Indessen begann mein Schwiegervater, der in Petersburg von dieser Sache gehört hatte, mich zu überreden, Stuttgart nicht auszuschlagen, wofür er unter einer Reihe von Gründen für diesen jedenfalls für mich ehrenvollen Dienstort auch den anführte, dass es für meine kleinen Kinder vorteilhaft sein würde, wenn sie wenigstens noch vier Jahre im Ausland in gutem Klima lebten. Ich antwortete darauf, dass ich meinen Wunsch, irgend wohin überzusiedeln nicht aussprechen werde, doch wenn es Gott und meinen Vorgesetzten angebracht erscheint, mich irgend wohin zu versetzten so würde ich nicht protestieren und mich nicht widersetzen. Als ich so antwortete, wusste ich noch nicht, dass die Großfürstin Olga Nikolajewna bereits die Absicht hatte, mich zu versetzen, und dass dieser Wunsch schon dem Zaren Nikolaus unterbreitet worden war. Für mich wäre es natürlich sowohl schmeichelhaft, als auch leicht gewesen, diesem Willen zu gehorchen, wenn die Ernennung gegen meinen Willen geschehen wäre. 

Die Großfürstin machte in ihrer Herzensgüte meine eigene Zustimmung zur Bedingung meines Übertritts in ihre Dienste, und so wurde ich in äußerste Schwierigkeit gebracht. Mein Schwiegervater schrieb, dass V. B. Baschanow von mir ein schriftliches Gesuch um Versetzung nach Stuttgart forderte. Ich lehnte dies entschieden ab, da dies einerseits gegen mein Gewissen verstieß, weil ich diese Versetzung nicht erstrebte, andererseits gegen meine Bescheidenheit, weil ich mich nicht befugt erachtete, mich um den Posten des geistlichen Vaters einer fürstlichen Person zu bewerben. Deshalb gab ich diese Antwort auch Baschanow, und fügte hinzu, dass ich mich, wenn dies geschehen sollte, dem Willen des Herrschers fügen würde, und diesen Posten in Demut als eine Weisung vom Himmel annehmen würde. Doch mit dieser Antwort gab man sich in Petersburg nicht zufrieden; man forderte von mir einen neuen Brief, den man der Großfürstin Nikolajewna zeigen konnte, die sich damals in Petersburg aufhielt. Hiergegen lehnte ich mich mit all meinem jugendlichen Eifer auf, und zerstritt mich fast mit meinem Schwiegervater, der mich des Stolzes und der Sturheit zieh, mir mit dem Zorn von Baschanow drohte und mir zuredete, mir meine Karriere nicht zu verderben. Mein letztes Wort war, dass ich mich dem Willen meiner Vorgesetzten unterordne, und in Demut den mir angetragenen hohen Posten annehme, aber selbst diesen Posten nicht erbitten werde. So hatte ich mich schon beruhigt, als ich bereits im September des selben Jahres 1851 von meinem Schwiegervater  Kotschetow einen Brief erhielt, in dem er schreibt:

“Was geschehen soll, ist nicht zu vermeiden. Das Schicksal Gottes ist unumgänglich. Es ist weise und gütig. Es ist eine heilige und beruhigende Sache, sich diesem Schicksal anzuvertrauen, und sich ihm demütig zu fügen. Diesen Gehorsam gegenüber dem Göttlichen Willen haben Sie sich in der Frage des Wechsels ihres Dienstortes zur Regel und zur Grundlage gemacht, und Sie haben Recht gehandelt. Gott fügte das, was er nach seiner Güte für Sie von Nöten und nützlich erfand. In Moskau legte Er dem Zaren ans Herz, Sie als geistlichen Vater Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Großfürstin Olga Nikolajewna, zu berufen. Ich gratuliere Ihnen zum neuen Amt. Ich kann nicht umhin, mich über die Ehre zu freuen, die Ihnen zuteil wird; am meisten freue ich mich aber darüber, dass Sie vor dem Angesicht der Frau zelebrieren werden, die klug und gütig wie ein Engel ist, fromm wie eine wahre Christin. In ihrem Dienst werden Sie sich aus eigener Erfahrung von der Gerechtigkeit des alten Ausspruches überzeugen: Si vis esse pius, fugito aulam.” Auf diese Weise war mein Schicksal beschlossen.