Drucken

Interview mit einem der Kleriker der Nikolauskathedrale der ROCOR in Stuttgart.

20100528_02

20100528_02
Vater Ilya, wir hören oft von der „Arbeit mit Jugendlichen“, doch wie so oft, machen wir uns keine Gedanken darüber, was hinter dieser häufig erklingenden Phrase steht. Was beinhaltet dieser Begriff für Sie? Worin besteht diese „Arbeit“?

Im 6. Kapitel des Römerbriefes schreibt der heilige Apostel Paulus: „ihr habt als eure Frucht die Heiligung, als Ende aber das ewige Leben“(Röm 6,22), und beschreibt damit in diesem und im nächsten Kapitel sowohl den Weg, der Frucht bringt, als auch den, welcher zum aufgezeigten Ende führt. Um die gestellte Frage zu beantworten, müssen wir untersuchen, welches Ziel wir verfolgen und welche Frucht wir erwarten.

Das Ziel, welches wir mit unserer Jugendarbeit verfolgen, besteht darin, Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, ihren Glauben an Christus zu festigen, ihren Platz in der Kirche Gottes zu finden und Christus an diesem Platz zu dienen. Die Frucht aber, die wir heranzuziehen versuchen, sind die jungen Männer und Frauen selbst, Christus und der Kirche liebgewonnen haben, und welche mit ihren Talenten und ihrem Schaffen am Aufbau der Kirche mitwirken wollen.

Der Weg aber, auf dem sich diese „Arbeit“ vollzieht, ist sehr vielseitig. Er beinhaltet die unterschiedlichsten Veranstaltungen, sowohl ‚für‘ als auch ‚von‘ der Jugend. Unter diesen Veranstaltungen finden sich Religionsunterricht, Jugendlager, Pilgerfahrten und Ausflüge, Feste und Themenabende mit der älteren Generation, kreativer Austausch mit Russland, um nur einige aufzuzählen. An vielen Veranstaltungen nehmen die Jugendlichen selbst als Organisatoren teil, stellen Programme zusammen, kümmern sich um den Aufbau. Ich hoffe, dass ihnen die geleistete große Arbeit für das Wohl der Nächsten Freude und Zufriedenheit bereitet.

Lassen Sie uns einige kurze Blitzfragen stellen: was ist in der gegebenen Arbeit

        - das Schwierigste?

Die größte Herausforderung liegt wohl in der banalen Mittelbeschaffung für die Durchführung von Projekten. Etwas ohne Geld zu erreichen ist schwierig, Geld zu beschaffen ist noch schwieriger.

        - das Wichtigste?

Das Wichtigste für mich ist Gottes Segen über unserer Tätigkeit, und Seine Ergänzung meiner Schwächen.

        - das am wenigsten Erwartete und Freudevollste?

In letzter Zeit war für mich besonders unerwartet, dass eine ganze Reihe 15 – 16 jähriger Jugendlicher bereit ist, Verantwortung für andere Kinder, für Veranstaltungen und das Erreichen von Ergebnissen zu übernehmen. Ich meine besonders junge Jugendleiter in Ferienlagern, aber auch andere, ganz junge Leute, die fähig sind, Verantwortung für eine Tätigkeit zu übernehmen und diese auszuführen.

Erzählen Sie bitte von den besonders leuchtenden und interessantesten Projekten der jüngeren Zeit.

Zunächst möchte ich sagen, dass außer mir noch unser Berliner Priester, Vater Andrej Sikoev, für die Jugendarbeit der Diözese verantwortlich ist. Er war nach zahlreichen Reisen nach Russland und Teilnahme an verschiedenen, für die Jugend bestimmten Programmen, einer der führenden Köpfe bei der Erstelllung des Konzeptes für die Jugendarbeit der Auslandskirche, welches von der Synode Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland angenommen wurde. Gerade auf der Grundlage der Strategie und Taktik dieses Konzeptes werden die Projekte, die ich im Folgenden beschreiben werde, entwickelt.

Ich möchte vier solcher Projekte, welche für mich persönlich höchst interessant waren, und deren Thematik weit über den Rahmen der eigentlichen Veranstaltung hinausgingen, erwähnen.

Zum einen, sind da die Pilgerfahrten ins Heilige Land für Jugendliche aus ganz Deutschlande, die in den Jahren 2008, 2009 und 2010 stattgefunden haben. Diese Pilgerreisen gaben den Anstoß zu weit tieferer Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift und der biblischen Geschichte, als ich dies bisher getan hatte. Ich habe mich auf diesen Reisen bemüht, Bestandteile der klassischen Pilgerfahrt – den Besuch heiliger Stätten – mit eingehenderem Studium der Geschichte, Archäologie und den Texten der Heiligen Schrift, des Neuen wie des Alten Testamentes zu verbinden. Ich strebe an, diese Linie mithilfe israelischer Freunde, die sich an Ort und Stelle professionell mit diesem Thema beschäftigen, weiterzuverfolgen. Ich hoffe, in die Pilgerreise im nächsten Jahr die Teilnahme an einem biblisch – archäologischen Seminar in Jerusalem zu integrieren.

Zum anderen, sind da die deutschlandweiten Jugendprozessionen, die dem Ende des Zweiten Weltkrieges gewidmet sind. Sie führen am 9. Mai von München nach Dachau, wo das bekannte KZ gelegen hat, in welchem unter anderem der heilige Bischof Nikolaj Velimirovic und der serbische Patriarch Gabriel inhaftiert waren. Die Prozession ist ebendiesem Heiligen Nikolaj gewidmet, und wir wollen sie mit der Lesung seiner Werke verbinden, um die jungen Leute mit dem Schaffen eines der erstaunlichsten und vielschichtigsten geistigen Autoren des 20. Jahrhunderts bekannt zu machen.

Das dritte Projekt, das ich erwähnen möchte, sind die sogenannten Familiensiedlungen. Die Probleme und Aufgaben der heutigen orthodoxen Familie sind verzweigt und kompliziert. Im Gespräch und in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen kommt man schnell zu dem Schluss, dass man mit der ganzen Familie arbeiten muss. Diese regelmäßig durchgeführten Familiensiedlungen sind eben der Festigung in der Kirche und dem Gespräch zwischen Familien benachbarter Gemeinden gewidmet, und haben in der Regel ein bestimmtes Überthema, wie Vater- oder Mutterschaft beispielsweise.

Schließlich sind die Feste der Liebe und Familie am Tag der heiligen Fürsten Peter und Fevronija zu erwähnen. Dieses Jahr ist das Fest in besonderer Erinnerung geblieben, weil wir nämlich mit den jungen Leuten eine theatralisierte Fassung des Hoheliedes Salomons vorbereitet hatten. Ich hoffe, dass dieses erstaunliche Buch uns noch lange begleiten wird.

Natürlich existieren eigentlich viel mehr Projekte. Sie beinhalten Sommer-  und Winterausfahrten für Kinder und Jugendliche, sogenannte Stadtferienlager in Berlin, die über die Dauer der ganzen Ferien durchgeführt werden, sowie Wanderungen, Pilgerfahrten und vieles mehr. Seit nicht allzu langer Zeit bildet für mich der Jugendrat unserer Gemeinde eine große Stütze, der aus etwa zehn junger Leute zwischen 15 und 25 Jahren besteht, die sich der Planung, Vorbereitung und Durchführung eines Großteiles der Veranstaltungen, von welchen die Rede war, gewidmet hat. Diese Leute sind gerade aus den „Zielen“ der Jugendarbeit in ihre „Mittel“ übergegangen. Darüber hinaus besteht auch auf Bundesebene eine Art Jugendrat aus Jugendvertretern unserer Gemeinden, welche ebenfalls durch einige unserer Veranstaltungen geeint werden sollen.

Auf der Homepage der Nikolauskathedrale, deren Vorsteher Sie sind, finden sich sehr interessante und lebendige Kommentare sowohl über die Prozession, die Sie erwähnt hatten, als auch über die letzte Fahrt ins Heilige Land. Darin wird oft Dankbarkeit gegenüber den Sponsoren geäußert. Angesichts der neueren wirtschaftlichen Entwicklungen stellt sich die Frage, wer in dieser schwierigen Zeit bereit ist, nicht nur mit Worten zu helfen?

Kreuzzug 2010

Kreuzzug 2010
Bereits seit zweieinhalb Jahren hilft uns die Stiftung für die Bedürfnisse der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland. Eine ganze Reihe von Projekten, die ich zum Teil vorher erwähnt habe und noch mehr, wurden von der Stiftung unterstützt. Insgesamt unterstützte die Stiftung unsere Projekte in den Jahren 2008 - 2010 mit rund 25.000 Euro, was durchschnittlich etwa 45 % der für Projekte ausgegebenen Gelder ausmachte. Das ist eine gewaltige, entscheidende Hilfe, ohne die unsere Ideen überhaupt nicht oder in weit geringerem Maße hätten verwirklicht werden können. Ich denke, dass aus den Kommentare der Teilnehmer dieser Projekte ersichtlich ist, dass sie eine unvergessliche Spur in ihren Seelen hinterlassen haben. Ich möchte den Sponsoren, welche die Möglichkeiten finden, ihre Mittel für die Jugendarbeit unserer Kirche zu spenden, von ganzer Seele danken.

Und wie genau verläuft Ihre Zusammenarbeit mit dem Fond? Schicken Sie eine Art Antrag mit Ihren Ideen über die verschiedenen Projekte ein? Müssen diese Anträge dann durch einen Wettbewerb gehen, oder werden sie direkt angenommen?

Die Zusammenarbeit ist sehr einfach. Es wird ein Antrag eingereicht, in dem das Ziel des Projekts, die von diesem erwarteten Ergebnisse und die ungefähren Gesamtkosten dargelegt werden. Ebenso wird die benötigte Summe aufgeführt; die Differenz wird von den Projektteilnehmern übernommen. Außerdem wird Punkt für Punkt ein Kostenplan über die ungefähren Ausgaben beigelegt, dem entsprechend nach dem Projekt der Bericht über die tatsächlichen Ausgaben folgt. All dies läuft sehr unkompliziert ab und passt wunderbar zu den Bedürfnissen eines von Arbeit überhäuften Priesters. Ich hoffe, dass das auch in Zukunft so bleiben wird und der Prozess nicht durch verstärkte Bürokratie erschwert wird, wie es oft bei anderen Fonds passiert.

Wenn es kein Geheimnis ist – welche weiteren Projekte würden Sie gerne in nächster Zukunft noch realisieren?

Alle bisher aufgezählten Projekte sind langfristig angedacht. So Gott will, werden sie sich von Jahr zu jahr wiederholen. So hoffen wir, am 09. Mai 2011 wieder eine Prozession nach Dachau veranstalten zu können, im Herbst eine Pilgerfahrt für Jugendliche ins Heilige Land, Ferienlager, Feste usw.

Werden Sie sich wieder an den Fond wenden?

Ja, natürlich!

Vater Ilya, schon mehrere Jahre führen Sie einen so aktiven Dialog mit Jugendlichen. Teilen Sie doch Ihre persönlichen Erfahrungen ein wenig. Womit sollte jemand anfangen, der z.B. einen ähnlichen Jugendrat in seiner Gemeinde organisieren will?

Ach, das ist ganz einfach. Man nehme sich 5, 6 aktive Jugendliche, fährt mit ihnen für ein paar Tage raus in die Natur und plant fürs Erste ein, zwei Gemeindeveranstaltungen, die für sie interessant wären. Eine solche gemeinsame Sache erlangt allmählich eine eigene Dynamik, so dass später alles von alleine passiert.

Viel zu oft wird die heutige Jugend in den Medien bemängelt; vielleicht haben Sie hingegen ein paar gute Worte für sie parat?

Ich finde, jemanden zu bemängeln, ist sinnlos. Besser wäre es, zu handeln. Ich sehe genug junge Menschen um mich herum, die fähig und willig sind, ihre Talente und überhaupt ihr Herzensblut in einer gemeinsame Sache anzulegen. Schön wärs, so viel Verstand zu finden, um allen eine Beschäftigung geben zu können...